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Sofortkompositionen auf der Industriebrache

zmitz-Blogger Ruedi Stuber lässt sich auf ein musikalisches Abenteuer ein. «Sofortkompositionen» sollen auf dem Programm stehen, aber wie sich das wohl anhören wird?

Wenn’s auf der Bühne leise wird, hört man das Rauschen der hochgehende Aare: Wir befinden uns mitten im ehemaligen Werkareal der Cellullose-Attisholz. Und hierhin hat die Kulturkommission Riedholz zu «Sofortkompositionen» eingeladen. Eingeborene kennen den Ort. - Aber «Sofortkompositionen»? Ich kenn‘ das weder von Funk noch von Fernsehen…
Man steigt auf dem maroden Areal eine Stahltreppe hoch in den 1. Stock und fühlt sich unerwartet wohl in einem Raum, der für den Anlass passend hergerichtet wurde. Hier lassen Martin Villiger und Daniel Hildebrand Sofortkompositionen entstehen: Instant-Musik, exklusiv für ein Publikum, das der Einladung der Kulturkommission Folge geleistet hat.

Ich hab mich im Internet etwas schlau gemacht: «Martin Villiger ist Filmmusik-Komponist mit einem Hang zur Dramatik ...» So lese ich auf seiner Homepage. Und ich staune, was dieser Teufelskerl aus dem Aargau bereits alles geschaffen hat: Jeder von uns hat den Klängen seiner Musik schon gelauscht. Zu Dutzenden von DOK-Serien, Multivisionsproduktionen oder Werbespots hat er die Musik beigesteuert. Seinen Namen nimmt man im Filmabspann aber nicht wahr, das geht dort immer so schnell.

Die Riedholzer sitzen zahlreich auf ihren Stühlen, wenn auch in vornehmer Zurückhaltung. Kinder kichern. Zu Beginn gibt’s etwas verbale Animation. Martin Villiger in Veston und Rüschenhemd gibt schon zu Beginn eine Kostprobe der verheissenen Dramatik. Seine Ansagen wirken auf mich theatralisch, selbstgefällig, aufgesetzt. Ganz anders Beatboxer Daniel Hildebrand, der ein keckes Hütchen trägt, ein Loopgerät und ein ganzes Arsenal an Mundharmonikas dabei hat. Wenn er spricht, wirkt dies schnörkellos, natürlich - und mit einem verschmitzten mitreissenden Lächeln...

Dann schlenzt Villiger seine Mähne nach hinten, wie das Pedro Lenz bisweilen tut. Er greift tief in die Tasten und bringt mit wilden Gesten das E-Piano zum Wackeln. Daniel Hildebrand neben ihm schliesst die Augen, um wie in Trance seiner Mundharmonika adäquate Läufe zu entlocken.

Nun soll das Publikum drei Töne vorschlagen und tut sich schwer damit. Welche Herausforderung! – Mit diesen drei Tönen beginnen die Künstler ihre Improvisation. Man spürt, wie sie sich suchen müssen, harmonisch wie auch rhythmisch. Nach und nach kommt es zu einer non-verbalen Einigung. Blicke sprechen Bände. Und eines wird klar: zwei Virtuose! Die klopfen das träge Publikum «süüferlig» aus dem Busch.

Wie bei Improvision sind es die Zuschauer, von denen die Impulse kommen: Ein Junge darf ein paar Töne auf der Mundharmonika spielen. Das Loopgerät speichert sie. Villiger und Hildebrand nehmen die Vorlage und spinnen den Faden musikalisch weiter. Oder: Die Zuhörer geben drei Filmgenres vor, zu denen die Musiker umgehend die Filmmusik spielen. – Die Riedholzer Zurückhaltung verfliegt. Den Höhepunkt erreicht der Anlass, als alle unisono zu einer simplen Melodie einfache Tanzschritte ausführen und mitklatschen.

Das Geniale an Martin Villigers Sofortkompositionen: Zu seinen Performances zieht er von Mal zu Mal andere Musiker bei. Das stellt höhere Ansprüche als das Improvisieren in einem eingespielten Duo. Die Instant-Kompositionen erfordern wache Intuition, erzeugen hin und wieder Misstöne und stehen im krassen Gegensatz zum Musikbetrieb, wo kompromisslose Perfektion im Interpretieren fremder Kompositionen gefragt ist.

Fazit: Sofortkompositionen wecken nicht nur Spielfreude, sondern auch ein träges Publikum. Chapeau den mitreissenden Musikern und der guten Nase der Riedholzer Kulturförderer.

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