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Wie ich dir, so Amir

Andreas Berger ist am Freitagabend mit seinem neuen Stück «Ein Leben» erstmals auf die Bühne des Kreuz-Saals in Solothurn getreten. In den Zuschauerrängen dabei: die beiden zmitz-Blogger Mirjam Staudenmann und Fabian Gressly. Sie hatte keine Ahnung, vom dem, was sie erwarten würde. Er hatte mit Berger schon ein Interview zum Stück gemacht.

 

Mit Zerrissenheit

Mirjam Staudenmann

Mit Echo

Fabian Gressly

Bereits der Anfang des Ein-Mann-Theaters «Ein Leben» tut weh: Die Frau des Protagonisten kehrt vom Coiffeur zurück und wartet lächelnd auf ein Kompliment, welches er nicht zu geben vermag. Früher, so sagt er, habe er ihr stundenlang beim Schlafen zusehen können, heute ermahne ihn ihr schlafendes Gesicht an seinen eigenen Tod.

In diesem Dorfleben zwischen Turnverein, Coiffeur-Besuchen, Tratsch und Stammtisch erscheint der Protagonist als Zuschauer und gleichzeitig als Teil dieses Alltags. Da steht auf der einen Seite das Unvermögen, seiner Frau von seiner Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu erzählen. Auf der anderen Seite seine Träume und Sehnsüchte, die innerhalb der engen Dorfstruktur nicht wahr geworden werden. Er erzählt von Gymnasiasten, die er an der Bushaltstelle antrifft. Sie sind noch Kinder und werden mit den Monaten und Jahren zu Jugendlichen, die überheblich auf die Erwachsenen-Welt zu schielen beginnen. Der Protagonist ist ein älterer Herr voller Vorwürfe an die Gesellschaft, indirekten Anklagen an seine Frau, an die digitale Welt. Und trotzdem ist er voller Zweifel, voller Wenn’s und Aber’s.

Immer wieder tritt Amir, ein Flüchtender aus Syrien, in diese Zerrissenheit. Der Protagonist freundet sich mit ihm an, dem Unverständnis seiner Frau und der Gemeinde zum Trotz. Einen Moment lang hält das Leben den Atem an, meint der Protagonist. Denn: «Sind wir nicht alle zugezogen, irgendeinmal?» Genau von solchen Aussagen lebt das Stück. Lässt die Zuschauer plötzlich alleine mit Fragen und trifft mit pointierten Äusserungen.

Berger spielt sich mit der Darstellung seines Protagonisten und dessen unverstandener Offenheit gegenüber dem Fremden in mein Herz. Trotzdem bleiben bei mir Fragen zurück. Ist diese Illustration des Dorflebens, in welchem die Bewohner dem Fremden gegenüber voller Angst begegnen, heute richtig? Soll sich ein Theater dieser Thematik so annehmen? Plötzlich keimt in mir dieses Gefühl der dargestellten Überlegenheit auf. Ist es denn wirklich so, dass die ländliche Bevölkerung mit so viel Unverständnis auf das Fremde reagiert? Und auch wenn Abstimmungsresultate dies zeigen mögen: Ich bezweifle, dass eine Darbietung, die diese Vorurteile unterstreicht, den gegenseitigen Austausch fördert. So giesst Berger Wasser auf die Mühlen jener, die flüchtenden Menschen gegenüber ohne Argwohn begegnen, skizziert gleichzeitig aber den Kreis derer, die Skepsis zeigen. Ich bleibe zerrissen zurück – zwischen der wunderbaren Poesie vieler Aussagen und dem eigens empfundenen Mangel an gegenseitigem Verständnis.

Vor gut zwei Monaten habe ich im Rahmen meines Jobs Andreas Berger für ein Interview zu «Ein Leben» getroffen. Er erzählte mir von seinem geplanten Stück. Davon, was ihn dazu veranlasst hat. Und was in ihm so vorgeht. Während ich im Kreuz-Saal sitze, hallen seine Aussagen aus jenem Interview (hier ab Seite 6 nachzulesen) nach.

«(Der Protagonist) ist ein Mensch, der sich irgendwie mit seinem Leben arrangiert hat. Er hat eine Frau aus dem Dorf geheiratet, hat aber eine gewisse Distanz zu dem, was im Dorf passiert.» - Mehr als Distanz. Der Mann, der sich da in seinem Bastelkeller verkriecht, verurteilt sein Dorf. Er beobachtet mit Verachtung, wie sich die Gemeinschaft beim Coiffeur und an Turnerabenden trifft und sich in ihrer Idylle suhlt. Gleichzeitig schottet sich der Protagonist ab, schafft in seinem Keller ein möglichst autonomes Reich für sich. Mit Musik, mit Äpfeln gegen den Hungern und Tee gegen den Durst und Bier gegen den Frust… Auf dass er möglichst lange nicht nach draussen treten muss.

«Dabei ist wichtig zu sagen, dass das Dorf ein ideelles Dorf ist. (...) Es ist ein fiktiver, ein theatralischer Ort.» - Wirklich? Der Protagonist erzählt im Keller von diesem fast autokratischen Dorfkönig, dem Gemeindepräsidenten. Einem Architekt, der sich im Schutze seiner Wähler gegen Ausländer stellt. Ich weiss: Andreas Berger kommt aus Messen. Ich weiss auch: Messens früherer Gemeindepräsident war Architekt. Dem aber würde ich niemals solches Verhalten zutrauen! Ich weiss auch: aktuelle Gemeindepräsidentin ist eine andere. Und ich frage mich, wo Realität aufhört und Fiktion anfängt…

«(Der Kern des Stücks ist) die Begegnung mit dem Fremden, mit sich selbst.» - Das Thema ist da. Nicht mehr so extrem aktuell wie vor ein paar Monaten. Andreas Berger liefert die Antwort, wie man Flüchtlingen begegnet: Ihnen einfach begegnen; wie jedem anderen Menschen auch.

Es gibt viel, das mir an diesem Abend im Keller im Saal durch den Kopf geht. Der Sohn des vereinsamten Protagonisten, der, beruflich erfolgreich, das Gegenstück zum aus Syrien geflüchteten Amir ist: Ein Expat, der nach New York, London, Sydney «geflüchtet wird», weil sein Konzern ihm dort Arbeit hat. Der Seitenhieb gegen das Dorf, das lieber Schlagershow mit einer Moderatorin, die wie ein Fisch heisst, schaut, als Tagesschau (gemeint sind die Beatrice Eglis und Francine Jordis dieser Welt und ihre Anhänger). Mir fallen die Textaussetzer auf, die angesichts der Uraufführung, der 90-minütigen Darbietung und des Ein-Mann-Stücks jedoch sein dürfen. Oder dass die Off-Stimme eher irritiert, als eine Aussensicht bietet. Was mir aber am meisten in Erinnerung bleibt, ist ein Satz: «Zwischen Mittelalter und heute scheint der Unterschied nicht so gross zu sein.»

Andreas Berger, «Ein Leben»: noch heute Samstag, um 20.30 Uhr, im Kreuz Solothurn (Details hier). Weitere Daten hier.

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